Otto von Cappenberg

Sein Leben

Eine ungewöhnliche Lebensgeschichte im Mittelalter zwischen weltlicher Macht und klösterlicher Entsagung

Ein junger Mann sieht eine glänzende Karriere vor sich. Auch wenn er im Schatten seines älteren Bruders steht, hat er gute Aussichten. Denn seine Familie ist reich und mächtig. Und auf einmal wirft dieser Mann all das weg und wird zum Aussteiger. Für die meisten Familien wohl ein Alptraum – heute wie vor 900 Jahren bei Otto von Cappenberg.
Dabei war es gar nicht Ottos Idee, den Familienbesitz in ein Kloster umzuwandeln sondern die des älteren Bruders. Gottfried stand kurz davor, einer der einflussreichste Adeligen im mittelalterlichen Deutschland zu werden. Zum beträchtlichen Besitz seiner eigenen Familie, der Grafen von Cappenberg, kam die Aussicht auf ein umfangreiches Erbe seitens seines Schwiegervaters Friedrich von Arnsberg. Doch in einem plötzlichen – für die Nachwelt nur ansatzweise nachzuvollziehenden – Entschluss warf Gottfried sein Vermögen und seine Waffen fort und gelobte ein geistliches Leben.
Otto war von der Aussicht, sein Dasein fortan hinter Klostermauern zu verbringen, wenig begeistert. Es dauerte, bis ihn der Ältere überzeugen konnte. Die Überzeugungsarbeit war notwendig: Nur mit Ottos Zustimmung konnte Gottfried das gemeinsame Erbe – darunter Grundbesitz samt Höfen und Mühlen in Cappenberg, Werne, Nette, Alstedde und Heil – in ein Kloster umwandeln. So treten die beiden Brüder in den Quellen gemeinsam als Stiftsgründer auf; 1122 oder 1123 traten beide in das neue Prämonstratenserstift Cappenberg ein. Fast gleichzeitig gründeten sie auf ihrem Familienbesitz zwei weitere Stifte, eines in Valar bei Coesfeld und das andere in Ilbenstadt in der Wetterau.

Die Cappenberger Stiftskirche (© Schwarze)

Patenschaft für einen kleinen Herzog

Gottfried starb nur wenige Jahre später. Nun oblag es Otto, die weiteren Geschicke der Ordensniederlassung zu lenken. Obwohl er Gottfrieds Pläne anfangs abgelehnt hatte, widmete er sich jetzt voll und ganz der neuen Aufgabe. Die notwendigen Voraussetzungen musste er, der zum Ritter ausgebildet worden war, sich erst aneignen. Möglicherweise sammelte er erste Erfahrungen als Propst des Stiftes Valar (bis 1126). 1156 wurde er der dritte Propst von Cappenberg, wo er im Februar 1171 starb.
Als Sohn eines mächtigen Adelsgeschlechts, als Ritter und später als Ordensmann verfügte Otto über ein Netzwerk persönlicher Beziehungen, das er sich für Cappenberg zunutze machte. Diese Beziehungen reichten bis ganz oben: Ottos Patensohn war kein Geringerer als Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Kurz nach der Gründung Cappenbergs, um 1122, hatte dessen Vater Herzog Friedrich II. von Schwaben den jungen Otto gebeten, die Patenschaft zu übernehmen.
Zwischen den Cappenbergern und dem Schwabenherzog bestanden entfernte verwandtschaftliche Beziehungen: Ihre Urgroßmütter waren Schwestern gewesen. Den Ausschlag für die Patenschaft gab wahrscheinlich Ottos Frömmigkeit, die sich in der Stiftsgründung und der Weltabkehr äußerte. Das Patenkind sollte sich später als wichtiger Förderer von Cappenberg erweisen; ihm verdankt das Stift zwei kostbare Schätze – den Barbarossakopf und eine silberne Taufschale.

Imagepflege für Cappenberg

Bevor er Propst von Cappenberg wurde, erfüllte Otto 1148 einen letzten Wunsch des verstorbenen Bruders. Gottfried hatte in Cappenberg begraben werden wollen, war aber 1127 in Ilbenstadt gestorben und dort beigesetzt worden. Die dortigen Chorherren wollten die Gebeine des prominenten Stiftsgründers nicht herausrücken. Otto handelte einen Kompromiss aus: Der Oberkörper des Skeletts blieb in Ilbenstadt, den Rest durfte er nach Cappenberg überführen.

Im Sakramentshaus der Stiftskirche ruht ein Teil der Gebeine Gottfrieds von Cappenberg (© Schwarze)

Unter Ottos Obhut erhielt das laut einer frühen Urkunde ursprünglich der Jungfrau Maria geweihte Stift Cappenberg einen neuen Schutzpatron – den Apostel Johannes. Zu jener Zeit war dieser Apostel, damals noch mit dem gleichnamigen Evangelisten gleichgesetzt, ein beliebter „Modeheiliger“, so die Historikerin Hedwig Röckelein. Auch Otto verehrte ihn und besaß ein wertvolles Johannes-Reliquienkreuz.
Obwohl Gottfried die Stiftsgründung in Cappenberg angeregt hatte, prägte Otto ihre ersten Jahrzehnte. Und zwar so entscheidend, dass schon im Mittelalter beide Männer als Gründer gleichgesetzt wurden. Das beweist ein Epitaph in der Stiftskirche, gefertigt um 1320: Die symmetrisch gegenüber gestellten Brüder tragen gemeinsam ein Kirchenmodell.

Das Epitaph der Stiftsgründer von Cappenberg, Gottfried und Otto, in der Stiftskirche (© Schwarze)

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